König Valentinus saß an jenem sonnigen Mittag auf der uralten, an all ihren Ecken sorgsam abgerundeten Holzbank, die einst kunstvoll um den alten Dorfbrunnen gebaut worden war.
Dieser Brunnen barg das magische Geheimnis, eine bedeutsame Tiefe in die Gespräche derer bringen zu können, die sich dort einander anvertrauten.
Die alte Bank, die bereits seit Jahrhunderten von unzähligen Menschen genutzt wurde, war an vielen Stellen wie glatt poliert – ein Zeugnis, dass hier schon viele Menschen gesessen und Gespräche geführt hatten. Freud und Leid waren über die Jahre miteinander geteilt worden, immer im Vertrauen darauf, dass ein offenes Ohr und ein verständnisvolles Herz ganz nahe waren.
Valentinus liebte diesen Ort, denn er wusste, dass die Geschichten, die hier erzählt wurden, die wahre Essenz des Lebens widerspiegelten. Gerade, als er die wohltuende Kühle am Brunnen genoss, setzten sich ihm der Bub Michael und das Mädchen Lena gegenüber. Sie sahen neugierig aus – mit eben jenem kindlichen Drang, sich mitzuteilen, der ihm stets ein Lächeln auf die Lippen zauberte.
Der Junge begann zu klagen: „In der Schule geht alles viel zu schnell. Ich komm‘ kaum noch mit! Der Lehrer hat mich in die letzte Bank gesetzt, weil ich die Aufgaben nicht so schnell lösen kann wie die anderen.“
Valentinus nickte nachdenklich. „Und wie fühlst du dich dort, in der letzten Bank?“, fragte er sanft.
„Einsam“, gab Michael zu. „Ich mag nicht mehr hingehen. Es ist, als ob ich gar nicht dazugehören würde!“
Das Mädchen Lena lachte leise und sagte: „Mir gefällt die Schule! Ich darf ganz vorne sitzen, direkt vor dem Katheder des Lehrers.
Ich höre und sehe alles, was der Herr Lehrer so sagt und macht. Ich habe so richtig Spaß!“
Der Junge sah sie ein wenig neidisch an, doch Valentinus hob die Hand, um die Balance zwischen den Beiden im Gespräch wiederherzustellen. „Lena“, fragte er mit einem warmen Lächeln, „was macht dir am meisten Freude beim Lernen?“
„Ich mag es, wenn der Lehrer uns Geschichten erzählt und erklärt, wie die Dinge funktionieren. Es ist, als ob ich eine neue Welt entdecken würde“, antwortete sie strahlend.
Valentinus wandte sich wieder dem Jungen zu. „Weißt du“, begann er, „manchmal ist es gar nicht schlecht, in der hintersten Bank zu sitzen.
Von dort aus siehst du Dinge, die die anderen vielleicht übersehen. Du hast den Überblick. Und das, was dir schwerfällt, kann mit der Zeit eine Stärke werden, wenn du Geduld mit dir selbst hast.“
Der Junge zog die Stirn kraus. „Aber wie soll ich etwas lernen, wenn ich immer hinten sein muss?“
„Vielleicht nicht durch Schnelligkeit, sondern durch Tiefe“, sagte Valentinus.
„Manchmal braucht es mehr Zeit, um etwas wirklich zu verstehen, aber dafür bleibt es dir für immer. Schau, jeder Mensch hat seinen eigenen Rhythmus, genau wie bei einem Tanz. Manche tanzen schnell, andere langsam. Wichtig ist, dass du deinen eigenen Schritt und dein eigenes Tempo findest.“
Das Mädchen schaute Michael mitfühlend an. „Vielleicht können wir ja zusammen üben? Dann macht es mehr Spaß“, schlug sie vor.
Valentinus lächelte still. Die Kinder hatten die Antwort bereits in sich gefunden – sie mussten nur daran erinnert werden.
Und so blieb er noch eine Weile sitzen, lauschte ihren Plänen und ließ die Magie des Brunnens wirken, an dem seit jeher unzählige Geschichten zusammenflossen wie Wasser, das nie versiegt.
Valentinus lächelte die beiden Kinder warm an, bevor er sich erhob. „Bevor ich gehe, möchte ich euch noch etwas mitgeben – ein kleines Geschenk.
Es ist nur ein Wort, das viele Menschen fürchten, das aber in Wahrheit ein wahrer Schatz ist: es ist das Wort Fehler.“
Die Kinder sahen ihn überrascht an. Lena fragte: „Fehler? Aber Fehler sind doch etwas Schlechtes, oder nicht?“
Valentinus schüttelte den Kopf. „Ganz und gar nicht.
Ein Fehler bedeutet nur, dass dir etwas fehlt.
Und genau das ist das Geschenk: Dieses Fehlen weckt in dir die Neugier und den Ansporn, zu suchen, zu lernen und schließlich zu finden. Jeder Fehler zeigt dir, wo du noch wachsen kannst, wo es noch mehr zu entdecken gibt.“
Michael runzelte die Stirn. „Also ist ein Fehler eigentlich wie ein Hinweis? So wie ein Schild auf einem Weg, das sagt: ‚Hier geht‘s weiter‛?“
„Ganz genau!“, rief Valentinus begeistert. „Ein Fehler ist kein Ende, sondern ein Anfang. Wenn du das erkennst, wirst du nie wieder Angst vor Fehlern haben. Stattdessen wirst du Fehler wie kleine Wegweiser sehen, die dir helfen, deinen eigenen Weg zu finden.
Ein Arzt fragt ja auch den Patienten: was fehlt dir?“
Lena nickte nachdenklich. „Das heißt also, wenn ich das nächste Mal einen Fehler mache, sollte ich nicht traurig sein, sondern mich fragen: ‚Was kann ich daraus lernen‛?“
„Ja genau, Lena“, sagte Valentinus mit einem Lächeln.
„Und weißt du, was passiert, wenn du so denkst?
Jeder Fehler wird zu einem Teil deiner Geschichte, zu einem Schritt auf deinem Weg. Und am Ende wirst du erkennen, dass dir eigentlich nichts wirklich fehlt – du hast alles, was du brauchst, in dir.“
Michael hob den Kopf und sagte leise: „Dann werde ich ab sofort keine Angst mehr vor der letzten Bank haben. Vielleicht ist das mein erster Schritt, etwas Neues zu entdecken.“
Valentinus legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihn voller Zuversicht an.
„Das ist ein weiser Entschluss, mein Junge. Denk daran: Es ist nicht die Position, die zählt, sondern das, was du daraus machst.“
Valentinus nahm seinen Gehstock, drehte sich noch einmal zu den Kindern um. „Ich habe mich gefreut, euch besser kennenzulernen.
Ihr habt mir heute gezeigt, dass das Leben niemals aufhört, uns etwas zu lehren. Und vergesst nicht:
Fehler sind Geschenke, sie helfen uns, die Schätze in uns selbst zu finden.“
Mit diesen Worten wandte sich Valentinus dem Weg zu, der zurück zu seinem Schloss führte. Die Kinder blieben eine Weile still am Brunnen sitzen, nachdenklich und doch voller neuer Hoffnung. Lena lächelte schließlich und sagte: „Ich glaube, ich mag Fehler jetzt ein bisschen mehr.“ Michael nickte im vollen Einverständnis.
„Vielleicht können wir zusammen suchen und lernen – und dabei unsere eigenen Schätze finden.“
Valentinus war schon einige Schritte gegangen und fragte, ob er ihnen noch ein weiteres Wort ans Herz legen dürfe. Die beiden Kinder lächelten, und so begann er über das englische Wort „to learn“ zu erzählen.
„Wisst ihr, was Wort ‚learn‛ bedeutet? Ja, ‚lernen‛, aber es enthält noch ein weiteres gewaltiges Geheimnis.
Wenn ihr die Buchstaben genauer betrachtet, entdeckt ihr etwas Besonderes. Lasst uns das Wort einmal auseinandernehmen.“
Er schrieb mit einem Stock das Wort ‚LEARN‛ in den Sand. „Der erste Buchstabe, das L, steht für Liebe an dem, was wir tun.
Wenn du mit Liebe lernst, öffnen sich dein Geist und dein Herz. Das Lernen wird leicht und geschieht voller Freude.“
Dann zeigte er auf die verbleibenden Buchstaben. „Und was bleibt vom Geschenk noch immer übrig, wenn wir das L entfernen?“
Lena antwortete eifrig: „E-A-R-N! Das heißt ja dann ‚verdienen‛!“
„Richtig!“, sagte Valentinus begeistert.
„Wenn du mit Liebe lernst, erarbeitest du dir mehr als nur Wissen. Du verdienst Erfahrung, Freude und die Fähigkeit, das Gelernte in deinem Leben anzuwenden. Lernen mit Liebe bringt dir also einen doppelten Gewinn.“
Michael fragte neugierig: „Und was bedeutet das E am Anfang von ‚EARN‛?“
Valentinus nickte. „Das E steht für ‚experience‛ – Erfahrung.
Denn wahres Lernen geschieht nicht nur in Büchern oder durch Zuhören. Es ergibt sich durch das Leben selbst. Jede Erfahrung, jede Begegnung ist eine Gelegenheit, etwas zu lernen und zu wachsen. Mit wachsen meine ich, dass unser Bewusstsein sich erweitert.“
Er hielt kurz inne und fügte hinzu: „Wenn wir lernen, nicht nur mit dem Kopf, sondern vielmehr mit dem Herzen und aus unseren Erfahrungen, dann gewinnen wir etwas, das uns niemand mehr nehmen kann. Und wenn wir das Gelernte weitergeben, wird dieser Gewinn immer größer – für uns und für andere.“
Lena überlegte kurz und sagte dann: „Also bedeutet ‚learn‛, dass man nicht nur für sich selbst lernt, sondern auch, um damit anderen zu helfen?“
Valentinus war stolz auf Lena und das, was sie soeben gesagt hatte. „Ja, Lena. Genau das ist die wahre Bedeutung des Lernens. Es geht nicht nur darum, etwas zu wissen, sondern darum, etwas zu sein – für dich selbst und für die Welt. Und wenn du das verstehst, wird jedes Lernen zu einem Geschenk, das du immer wieder neu auspacken kannst.“
Die beiden Kinder nickten, sichtlich beeindruckt von dieser simplen, aber tiefen Wahrheit, die ihnen Valentinus anhand von einfachen Beispielen erklärt hatte.
Er verteilte mit seinen Schuhen Sand über das Geschriebene und die Worte waren wieder verschwunden.
Dann meinte Valentinus: „Ihr werdet andere Worte finden, die ebenso euer Interesse wecken werden.“
Er klopfte den Sand von seinem Stiefel und sagte abschließend: „Denkt daran: Lernen mit Liebe bringt euch das größte Geschenk des Lebens – die Freude zu wachsen und Andere mit eurem Wissen zu bereichern.“
Und so endete dieser Tag für alle Beteiligten mit unzähligen Geschenken, die schon immer da gewesen waren, jedoch nur nicht gesehen werden konnten.
So lebten die Gedanken von Valentinus weiter in den Herzen der Kinder, wie lebende Samen, die irgendwann ihre schönsten Blüten tragen würden.